Ortsgespräch

In Utting wurde viel Verschlafen

Gewerbetreibende und Selbständige klagen über fehlende Gewerbeflächen im Ort. Wo sie Handlungsbedarf sehen und welchen Wunsch sie für die Bahnhofstraße haben

VON DAGMAR KÜBLER

Utting – Dem Uttinger Rathauschef Josef Lutzenberger auf den Zahn zu fühlen — dazu hatten Gewerbetreibende und Selbstständige am Ammersee Gelegenheit. Viele Uttinger Unternehmer waren zum Diskussionsabend gekommen, zu dem der Bund der Selbstständigen, der BDS-Ortsverband Ammersee Nord-West, geladen hatte. Darunter waren auch ehemalige Gewerbetreibende, die Utting mit ihrem Betrieb inzwischen den Rücken gekehrt haben. So wie Jürgen Rügemer, der seine Schreinerei teilweise nach Dießen ausgelagert hat, „weil es hier nichts gibt“, gemeint sind fehlende Gewerbeflächen. Fünf Hektar ist das geplante, neue Gewerbegebiet Nord-West groß, dessen Umsetzung nur schleppend vorankommt. Es handelt sich bei dem betroffenen Gebiet um eine Vielzahl von Privatgrundstücken. Ein amtliches Umlegeverfahren wurde notwendig, da das freiwillige an einem Grundstücksbesitzer scheiterte, erklärte Bürgermeister Josef Lutzenberger. Für geschützte Tiere, die dort leben, muss die Gemeinde Ersatzhabitate schaffen. Diese werden teilweise in den landwirtschaftlichen Schmuckerflächen liegen. So wird der Neuntöter (Vogel) am Schlossersweiher eine neue Heimat finden. Für Zauneidechse und Laubfrosch wird eine Anrainerwiese gekauft. Vorrang hat jedoch die Schmucker-Bebauung, machte Lutzenberger deutlich. „Sobald das Schmuckerprojekt läuft, wird sich die Verwaltung des Gewerbegebietes annehmen.“ Als Zeitachse nannte der Rathauschef drei bis fünf Jahre — „wenn keiner prozessiert“. Einen Richtwert für Gewerbegrundstücke gäbe es mangels Verkäufen nicht. „Wir können den Preis nicht beeinflussen und uns gehört dort nichts“, machte Lutzenberger deutlich. Gegenwind komme derzeit von Bürgern, die zwischenzeitlich in das angrenzende Wohngebiet gezogen seien, „wohlwissend, dass dort ein Gewerbegebiet entstehen soll“, so Lutzenberger. „Es wurde viel verschlafen“, so der Vorwurf eines Unternehmers, und dass Utting zu wenig Ausgleichsflächen gekauft habe. Zwischenzeitlich seien die Auflagen gestiegen. Befürchtet werde, dass die Flächen zu teuer für junge ortsansässige Handwerker seien. Niklas Weyer (Wirtschaftsingenieur) führte an, dass der Gemeinde Gewerbesteuereinnahmen fehlten. Betriebe wanderten ab, weil sie nicht expandieren können. Gewünscht wurden auch mehr Flair in der Bahnhofstraße und kleine Geschäfte. Weyer präsentierte Ideen wie Sitzinseln und die Umwandlung der Bahnhofstraße in eine Einbahnstraße.

Die Situation wird als frustrierend bezeichnet

Ein guter Anlass wäre die 900-Jahr-Feier nächstes Jahr. Weyer wünscht, den Termin nicht zu verschlafen, sondern mit Geschäften, Vereinen und Bürgern Ideen zu entwickeln. Sylvia Haslauer (Biomarkt La Vida) berichtete über das geänderte Kaufverhalten von Kunden. „Die Leute wollen ein großes Sortiment.“ Die Lage ihres Geschäfts an der Durchgangsstraße mit Parkplätzen sei ideal. Von ihrem kleinen früheren Laden könnte sie heute nicht mehr leben, so Haslauer. Weyer sprach auch den Mangel an Hotels an. „Ein Hotel könne auf dem Mentergelände gebaut werden“, sagte Lutzenberger, jedoch gebe es derzeit keine Anfragen. In Bezug auf den Verkauf des Sonnenhofs in Holzhausen hätte ein Bieter Gaststätte und Hotel weiterführen wollen. Er sei jedoch überboten worden, und den Gläubigern sei „das Mehr an Geld“ wichtiger gewesen. Johann Springer vom BDS bezeichnete die Situation als frustrierend. „Utting hat eine gute Lage und Anbindung, aber kann man kommunalpolitisch überhaupt noch gestalten?“ Bürgermeister Josef Lutzenberger dazu: „Wir werden die Marktpreise nicht verändern können, aber die Mietpreise.“ Die niedrigeren Preise der Schmucker-wohnungen — angedacht sind etwa zehn Euro pro Quadratmeter — werden sich regulierend auf den Mietmarkt auswirken, so seine Meinung. Die Gemeinde sehe ihre Aufgabe in der Daseinsvorsorge, so Lutzenberger. Sie schaffe ein gutes Umfeld, zum Beispiel mit Kinderkrippen, Wohnprojekten und entwickele den Ort weiter. Wirtschaftspolitik oder -förderung könne sie jedoch nicht betreiben.

Quelle: Landsberger Tagblatt, 2.4.2019